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StraInWo

Strategien und Instrumente zur Integration von besonders benachteiligten Bevölkerungsgruppen in den Wohnungsmarkt im Zuge eines nachhaltigen Transformationsprozesses von Stadtquartieren

Über das Projekt

Hintergrund

Flucht, Zuwanderung und Migration sind Teil des gegenwärtigen Wandels städtischer Quartiere. Besonders in Großstädten konkurrieren EU-Zuwanderer*innen, z.B. Rom*nija, und Geflüchtete auf dem Wohnungsmarkt oft mit anderen sozio-ökonomisch schwächer gestellten Bevölkerungsgruppen um ohnehin zu wenig verfügbaren bezahlbarem Wohnraum. Im Zeitraum von 2016 bis 2019 beantragten über 1,3 Millionen (vgl. Statista 2020) Menschen Asyl in Deutschland, wodurch hohe Herausforderung entstanden. Die gesellschaftliche Integration dieser Gruppen wird als Schlüssel für eine zukunftsfähige und krisenfeste Transformation von Quartieren angesehen, da nur so langfristig die Entstehung urbaner Armutsinseln mit Folgen für deren städtisches Umfeld zu vermeiden ist.
 Zahlreiche Kommunen und Wohnungsunternehmen stehen nach wie vor vor der Herausforderung zur Integration besonders benachteiligter Bevölkerungsgruppen (u.a. Rom*nija und Geflüchtete) in den Wohnungsmarkt und ins Quartier. Prekäre Einkommensverhältnisse, fehlende Deutschkenntnisse oder Stigmatisierungen erschweren dabei EU-Zuwanderer*innen und Geflüchteten besonders ihren Zugang zum Wohnungsmarkt. In Zusammenarbeit unterschiedlicher Akteure wurden im Forschungsprojekt StraInWo vielfältige Strategien und Instrumente zur Integration entwickelt und erprobt. Neben Wohlfahrtsverbänden, Vereinen und zivilgesellschaftlichen Gruppierungen rücken dabei vor allem Wohnungsunternehmen als Partner der Kommunen ins Blickfeld. Sie nehmen durch ihre Vergabepolitik, Investitionen in Qualität und Quantität des Wohnungsangebotes sowie des Wohnumfeldes maßgeblich Einfluss auf das Integrationspotenzial eines Quartiers. Teilhabe zu ermöglichen und langfristig zu gewährleisten ist dabei ein wesentlicher Baustein.

Forschungsfragen und Vorgehen im Projekt

Im Mittelpunkt des Forschungsvorhabens stand die Evaluation, (Weiter-)Entwicklung und Erprobung von Strategien und Instrumenten eines nachhaltigen Transformationsmanagements zur dauerhaften Integration von benachteiligten Neuzuwanderer*innen (v.a. Rom*nija und Geflüchtete) auf dem Wohnungsmarkt. Es sollten Konzepte entwickelt werden, die die Anforderungen unterschiedlicher Bewohnergruppen an das gemeinsame Wohnen und Leben im Quartier berücksichtigen. Hierzu wurden unter anderem Handlungsempfehlungen für eine kultur- und fluchtsensible Gestaltung nachhaltiger Stadt(teil)-entwicklungsprozesse vorrangig für Kommunen und (kommunale) Wohnungsunternehmen, aber auch für Bund und Länder erarbeitet. Dabei standen vor allem folgende Fragen im Fokus:

  • Welche Indikatoren eignen sich zur Bewertung von Integration im Quartier?

  • Welche hemmenden und welche treibenden Akteure für die notwendige Transformation gibt es?

  • Welche hemmenden Faktoren stehen einer erfolgreichen Integration im Weg und wie können sie langfristig abgebaut werden?

  • Welchen Beitrag können Wohnungsunternehmen, Kommunen und soziale Träger zu einer nachhaltigen Wohnnutzung und Lebensqualität von Flüchtlingen, Roma und anderen Bevölkerungsgruppen im Quartier leisten?

  • Wie lassen sich Erfolge einer nachhaltigen Transformation verstetigen und auf weitere Projektinitiativen übertragen?

Im Mittelpunkt des Forschungsprojektes standen insbesondere die empirischen Untersuchungen der Fallstudien in Lübeck („Probewohnen“ als Maßnahme der Wohnraumversorgung für Geflüchtete) und Berlin-Reinickendorf (Wohnprojekt „Bunte 111“ für Rom*nija) sowie darauf aufbauend die Weiterentwicklung und Erprobung von Strategien und Instrumenten zur Unterstützung sozialräumlicher und gesellschaftlicher Teilhabe.

StraInWo

Fördermittelgeber: Drittmittel-Forschungsprojekt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF)

Projektträger: Deutsches Zentrum
für Luft- und Raumfahrt e.V. (DLR)

Laufzeit: 07.2016 – 06.2020

Projektteam

Projektleitung

Prof.in Dr.-Ing. Heidi Sinning

Jenny Kunhardt, M.Sc.

ehem. Wissenschaftliche Mitarbeiterin

Bild

Fallstudien in Lübeck und Berlin-Reinickendorf

Weiterentwicklung und Erprobung von Strategien und Instrumenten

Im Zentrum des Forschungsprojekts stehen empirische Forschungen, die Strategien und Instrumente zur Unterstützung gesellschaftlicher Teilhabe weiterentwickeln und erproben sollen.

Die Fallstudien

Bunte 111

„Bunte 111“ ist ein integratives Wohnprojekt, welches sich im Quartier Scharnweberstraße/Auguste-Viktoria-Allee in Berlin-Reinickendorf befindet. Im Jahr 2013 wurde das Haus  von dem landeseigenem Wohnungsunternehmen Gewobag Wohnungsbau-Aktiengesellschaft erworben. Das Gebäude wies neben den mangelhaften Zuständen und der Sanierungsbedürftigkeit auch Überbelegung und ungeklärte Mietverhältnisse auf. Wohnungen und einzelne Schlafplätze wurden zu hohen Preisen an Roma-Familien vermietet und das Zusammenleben mit der Nachbarschaft war angespannt. Nach dem Kauf des Hauses durch die Gewobag wurde eine Projektgruppe mit den wesentlichen Akteuren - Integrationsbeauftragten des Bezirksamts Reinickendorf, Gewobag MB Mieterberatungsgesellschaft mbH, Phinove e.V., Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales - aufgebaut und das Ziel verfolgt, fünf Roma-Familie langfristig in den Wohnungsmarkt durch einen partizipativen Prozess zu integrieren. Das Modellvorhaben verfolgte wohnungswirtschaftliche, mietrechtliche sowie nachbarschaftliche Ziele. Im Rahmen des Forschungsvorhabens wurde es wissenschaftlich begleitet und evaluiert.

„Probewohnen“ in Lübeck

Vor dem Hintergrund steigender Zuwanderung bei gleichzeitig mangelnder Wohnraumverfügbarkeit entstand bereits 2012 das Projekt „Probewohnen“ in Lübeck. Das Projekt zur Wohnraumintegration benachteiligter Gruppen, insbesondere Geflüchtete, wird in Kooperation zwischen dem Wohnungsbauunternehmen Trave mbH, der Stadt Lübeck, der Gemeindediakonie sowie weiteren zivilgesellschaftlichen Akteuren durchgeführt. Ziel des Projekts ist die langfristige Sicherstellung von bezahlbarem Wohnraum für Geflüchtete. Im Rahmen einer einjährigen Testphase können Wohnungen an Betreuungspartner*innen der Hansestadt Lübeck vermietet werden; diese überlässt wiederum eine Nutzung der Wohnung an vorher ausgewählte Geflüchtete und geflüchtete Familien. Die Familien werden durch soziale Träger je nach Bedarf begleitet und unterstützt. Nach erfolgreicher Umsetzung des einjährigen Probewohnverhältnisses erfolgt der Abschluss eines eigenen regulären Mietvertrages an die Teilnehmenden. So konnten im Zeitraum zwischen 2013 und 2018 328 Probewohnverhältnisse gemeinsam mit der privaten und kommunalen Wohnungswirtschaft abgeschlossen werden. Die wissenschaftliche Analyse der Fallstudie lieferte Bausteine zur Identifizierung von Strategien und Instrumenten zur Integration besonders benachteiligter Bevölkerungsgruppen in den Wohnungsmarkt und das Quartier.

Das Verstetigungs- und Transferprojekt

„Wohnen und Leben im Märkischen Viertel“

Im Projekt „Wohnen und Leben im Märkischen Viertel“ steht die Großwohnsiedlung Märkisches Viertel in Berlin-Reinickendorf im Mittelpunkt. Die im Forschungsvorhaben gewonnenen Erkenntnisse zur Wohnungsmarktintegration benachteiligter Bevölkerungsgruppen werden seit 2015 im Rahmen des durch die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen geförderten Projektes „Wohnen und Leben im Märkischen Viertel“ erfolgreich begleitend erprobt und angewandt. Im Rahmen dieses Kooperationsprojektes konnten in enger Zusammenarbeit zwischen dem landeseigenen Wohnungsunternehmen Gesobau AG, dem sozialen Träger Aufwind e.V. sowie zahlreichen Akteuren vor Ort im Zeitraum zwischen 2015 und 2018 bereits zehn zuvor wohnungslosen Rom*nija-Familien Zugang zu Wohnraum ermöglicht werden. Es konnte zudem aufgezeigt werden, dass sich die Umsetzung der im Forschungsprojekt entwickelten Strategien positiv auf die Teilhabechancen von Zuwanderer*innen und die Lösung nachbarschaftlicher Konflikte auswirken.
 Folgende Voraussetzungen stellten sich als förderlich für eine Aktivierung benachteiligter Gruppen zur Verbesserung ihrer Wohn- und Lebensqualität heraus:

  • Einbindung von sozialen Trägern und Wohnungswirtschaft,

  • Verbindlichkeit durch vertragliche Regelungen zwischen eingebundenen Akteuren,

  • Förderung des eigenständigen Lebens, u.a. durch Spracherwerb und Arbeitsmarktqualifizierung,

  • Beteiligung im direktem Wohnumfeld zur Stärkung des Verantwortungsbewusstseins und zur Begegnung mit der Nachbarschaft,

  • Aufbau interkultureller Kompetenzen und Abbau von Vorurteilen bei allen Bewohner*innen (u.a. durch Begegnungen).

Die Untersuchungen zeigten jedoch auch, dass Integration in den Wohnraum allein nicht ausreicht, sondern eine gleichzeitige spezifische Förderung der Integration in Nachbarschaften erforderlich ist. Dem Thema Integration ins Quartier und Antidiskriminierungsstrategien wird im laufenden Forschungsprojekt StraInQ nachgegangen.
Das Forschungsprojekt war als Reallabor konzipiert und alle angewandten Methoden wurden daraufhin strukturiert. Im Ergebnis konnten sechs Strategien zur Integrationsförderung identifiziert werden. Diese Strategien sind untersetzt durch förderliche Rahmenbedingungen und Hemmnisse sowie den angewandten Instrumenten-Mix.

Beispiele für fördernde und hemmende Faktoren

Der Abschluss von regulären Mietverträgen in regulären Wohnungen sowie die Unterstützung der Erwerbstätigkeit sind Beispiele für fördernde Faktoren, um die langfristige Sicherstellung von bezahlbarem Wohnraum zu gewährleisten. Eine hemmende Wirkung dagegen besitzen zum einen intrasparente Wartezeiten auf behördlichen Entscheidungen sowie die fehlende Anerkennung von Zeugnissen.

Um benachteiligten Bevölkerungsgruppen den Zugang zu Wohnraum zu ermöglichen, ist es notwendig bezahlbare und angemessene (Übergangs-) Wohnungen bereitzustellen und eine vertraute Begleitung im Alltag zu integrieren. Als Beispiele für hemmende Faktoren konnten Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antiziganismus sowie fehlende Sprachkenntnisse bei Vermietern und Beratungsstellen festgestellt werden.
Ein aktives Belegungs- sowie Quartiersmanagement fördern den sozialen Zusammenhalt im Quartier. Fehlende Aufenthalts- und Belegungsbereiche können dem entgegenwirken. Das gleiche gilt für Vorurteile gegenüber fremden Nachbar*innen.

Um Antidiskriminierungsstrategien zu entwickeln und umzusetzen ist es förderlich Mitarbeiter*innen eine interkulturelle Schulung zu ermöglichen sowie Antidiskriminierungstrainings in Nachbarschaft und Quartier durchzuführen. Demgegenüber können jedoch fehlende Zivilcourage zur Kritik an Vorurteilen und Ressentiments sowie offene und verdeckte Diskriminierung eine hemmende Wirkung besitzen.

Um die Zielgruppe zum selbstständigen und teilhabenden Leben in Deutschland zu fördern bietet es sich an, Informationen über perspektivische Handlungsmöglichkeiten bereitzustellen sowie den ehrenamtlichen Helfer*innen oder Institutionen vor Ort mit Spracherwerb zu unterstützen. Fehlender W-LAN-Zugang behindert jedoch die Selbstintegration und den Kontakt zu Freunden und Verwandten im In- und Ausland. Des Weiteren können auch fehlende Informationen über politisch-administrative Abläufe die Selbstständigkeit schwächen.

Verlässliche Netzwerk- und Projektstrukturen lassen sich durch eine enge, kontinuierliche und ressortübergreifende Kooperation aller beteiligten Akteure aufbauen und verstetigen. Zudem ist es förderlich, klare Verantwortlichkeiten festzuglegen („Chefsache“). Unzureichende Evaluation der durchgeführten Maßnahmen sowie eine nicht bedarfsgerechte Finanzierung können dem entgegenwirken.

Instrumente

Im Forschungsprojekt StraInWo wurde ein Analyserahmen für Transformationsprozesse städtischer Quartiere im Zuge der Zuwanderung besonders benachteiligter Bevölkerungsgruppen entwickelt. Folgende Instrumente, die den Akteuren für ein integrationsförderndes Handeln zur Verfügung stehen, konnten im Rahmen der Untersuchungen herausgearbeitet werden:

  • Stadtentwicklungs- und wohnungspolitische Instrumente: Integrationspolitische Herausforderungen werden durch Stadtentwicklungs- und wohnungspolitische Instrumente in die (gesamt-)städtische Entwicklung aufgenommen (z.B. auch durch informelle Planungsinstrumente). Damit wird ein Beitrag zur Förderung der Wohnraumversorgung durch den Staat geleistet (z.B. kommunale Integrations- und Migrationskonzepte, Wohnraumstrukturanalyse, Wohnraumkataster).

  • (Planungs-) Rechtliche Instrumente: (Planungs-) Rechtliche Instrumente umfassen Gesetze und Ordnungen des Bundes, der Länder oder der Kommunen (z.B. Bauleitplanung, Erbbaurecht, Konzeptvergabe, Städtebauliche Verträge).

  • Wohnungswirtschaftliche Instrumente: Akteure auf dem Wohnungsmarkt setzen wohnungswirtschaftliche Instrumente ein. Sie dienen der Wohnraumversorgung sowie der Unterstützung der Mieter*innen (z.B. rechtsgültige Mietverträge, Bereitstellung angemessenen Wohnraums).

  • Sozialpolitische Instrumente: Eine Unterstützung der Menschen zur Bewältigung kurz- und langfristiger Problemstellungen in verschiedenen Lebenslagen wird durch sozialpolitische Instrumente erreicht. Zudem zielen sie auf die Förderung des sozialen Zusammenlebens ab (z.B. Unterbringungskonzepte für besondere Bedarfsgruppen, Integrations- und Diversitätsmonitoring).

  • Kooperative und kommunikative Instrumente: Betroffene und Akteure werden durch kooperative und kommunikative Instrumente in die Problemerkennung und -lösung einbezogen, sodass Kommunikationswegen aufgebaut werden können. Zudem bieten diese Instrumente Möglichkeiten von Austausch und Vernetzung und/oder dienen der Koordination und Steuerung sowie dem Wissenstransfer (z.B. Partizipationsprozesse mit Bürger*innen und Vertreter*innen aus der Zivilgesellschaft, Einrichtung von Migrations- oder Integrationsbeiräten).

Diese Instrumente bieten Akteuren aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Zivilgesellschaft sowie intermediären Akteuren unterschiedliche Handlungsspielräume und müssen entsprechend jeweils im spezifischen Kontext und in Bezug auf die Akteursgruppe betrachtet werden.

Aktuelles

Buchpublikation „Wohnen nach der Flucht“

Die Veröffentlichung des Sammelbands zum interdisziplinären BMBF-Forschungsprojektes „StraInWo“ mit dem Titel „Wohnen nach der Flucht? – Integration von Geflüchteten und Roma in städtische Wohnungsmärkte und Quartiere“ herausgegeben von Ingrid Breckner und Heidi Sinning (2021) stellt die Ergebnisse des Forschungsprojektes vor und stellt sie in den Kontext aktueller Diskurse. Dazu werfen Autor*innen aus Wissenschaft und Praxis einen Blick unter anderem auf Formen und Muster von Diskriminierung von Zuwanderer*innen in der Gesellschaft und in der Integrationspolitik und -arbeit in verschiedenen Städten. Anhand der Ergebnisse werden Verstetigungs- und Transfermöglichkeiten aus verschiedenen Perspektiven aufgezeigt und auf zentrale Handlungsempfehlungen verwiesen.

Ergebnisse der Fachtagung „Wohnen nach der Flucht“

Am 28. März 2019 fand die Fachtagung "Wohnen nach der Flucht" statt. Die Fachtagung präsentierte Forschungsbefunde aus zwei innovativen Handlungsfeldern, dem "Probewohnen" in Lübeck und dem Projekt "Bunte 111" in Berlin. Weitere Informationen und Ergebnisse finden Sie hier.